Svetlana Schjelkunova

Der Knopf des Königs

© Illustration Woldemar Schulz

Einst  war  ein Knopf von dem prächtigen Gehrock eines Königs abgerissen. Es wäre nicht so schlimm gewesen, wenn es  sich dabei um einen einfachen Gehrock gehandelt hätte oder wenn der Knopf von der Taillennaht abgefallen wäre (wo man das kaum hätte sehen können ), doch der Knopf hatte ausgerechnet ganz-ganz oben, auf der Höhe des Kragens an der  Lieblingsjacke des Königs gesessen und war nun fort!

Ein König kann ja schließlich nicht wie ein dahergelaufener Hirte oder Böttcher vom Markt  umher schreiten.  Also  lief der König zu seiner Garderobe und fand heraus, dass er nur zwei Paradejacken besaß. Eine dieser Jacken sah nicht mehr so schick aus. Die Flicken an den Ellenbögen waren  zerknittert, und der rechte Rockschoß war kürzer als der linke. Das lag wohl daran, dass der König seinen rechten Arm zu oft hob, um seine Untertanen zu begrüßen. So sah der König in diesem Gehrock  schon fast wie  ein Räuber aus. Und an dem zweiten Gehrock, an dem  die Flicken der Ellenbögen wie neu aussahen, fehlte nun ausgerechnet dieser Knopf.

Der König beschloss daher, den Knopf wieder an seinen rechten Platz zu setzen. Er nahm also etwas von seinem Speichel, benetzte mit ihm  den Knopf und drückte ihn genau an die Stelle,  an die  er gehörte. Doch der Knopf  erwies sich als  widerspenstig und ließ sich nicht ansetzen.
„Ich habe eine Bitte, mein Lieber! Kannst du mir bitte den Knopf an meine Paradejacke nähen?“, fragte der König seinen Kammerdiener.
Um ehrlich zu sein, das alles war gar nicht so einfach. Der Kammerdiener war nämlich eine höchst respektable Person,  vor der sogar  der König  Respekt verspürte, ja sogar ein bisschen Furcht verspürte. Aus diesem Grund riss er sich zusammen, atmete tief ein, richtete sich dann wieder auf und rief, ohne ihn anzuschauen:
„Mein Lieber! Kannst du mir bitte den Knopf an meine Paradejacke annähen?“
Der Kammerdiener blickte den König von Kopf bis Fuß mit solch einem Argwohn an, so dass der König sich winzig klein fühlte und sich am liebsten ins nächste Mauseloch  verkrochen hätte. Nach einigem Zögern  antwortete er schließlich:
„Eure Majestät, das Annähen von Knöpfen gehört nicht zum Aufgabenbereich eines Kammerdieners!“.

„Von mir aus!“, seufzte der König und wandte sich enttäuscht an die erste Kammerzofe, die er ständig um Hilfe bat, wenn es um die Regierungsgeschäfte ging und um einiges mehr.
„Meine Liebe! Kannst du mir bitte diesen Knopf an meinen Gehrock annähen?“, bat der König.
Doch anstelle dem König zu antworten, fauchte die Kammerzofe, wodurch sie sagen wollte: „Ihr beliebt zu scherzen! Ich habe noch nie zuvor in meinem ganzen Leben irgendwelche Knöpfe angenäht. Ich bin eine Dame edler Herkunft, wahrscheinlich noch viel edler als Ihr, Majestät! Meine Ahnen haben Eurer Dynastie seit Anbeginn an treu gedient. Und außerdem kann ich weder eine Nadel in der Hand halten, noch weiß ich überhaupt, was  eine Nadel ist und wie sie aussieht!“.
Die verwirrte Hofdame vergaß sogar völlig, welches Kleid sie heute zum Frühstückstisch anziehen wollte: das lilafarbene mit Schleifchen  oder das bordeauxfarbene mit bunten Tressen. - Der König ging unverrichteter Dinge mit dem Knopf in der Hand in den Speiseraum.

Unterwegs traf er den königlichen Koch,  an seiner weißen Mütze leicht zu erkennen. Den Koch darum zu bitten, dass er ihm den Knopf annähte,  traute sich der König nicht. In Wirklichkeit hatte der Koch ja die Aufgabe, Suppe zu kochen und königliche Menus vorzubereiten. Was hatte der Knopf denn überhaupt mit seiner Aufgabenstellung zu tun?

Am Tisch saß der König, tief in seine Gedanken versunken, und dachte darüber nach, an wen er sich sonst mit seiner Bitte wenden sollte.
„Was fällt dir überhaupt ein, mich so zu blamieren?“, flüsterte der König dem ungehorsamen Knopf zu. „Wieso musst du  ausgerechnet abreißen? Du bist doch ein königlicher Knopf, also hast du gefälligst das zu tun, was ich dir sage!“ Doch der Knopf blieb hartnäckig.
Inzwischen überlegte sich die Hofdame, ob sie den König nicht lieber dem Hofarzt vorstellen  sollte. Sie lächelte dem König  aufmunternd  zu und bat darum, ihr das Salz  zu reichen.
Der starrsinnige Knopf wärmte die Hand des Königs ziemlich auf. Da er ihn in der rechten Hand hielt, war es unmöglich,  mit ihr  auch noch das Messer zu führen. So legte der König das Messer beiseite und musste  das Spiegelei nur mit der Gabel  essen.
Der königliche Schreiber,  der ständige Begleiter des Königs und Verfasser der  königlichen  Memoiren, notierte: „Am Morgen jenes Jahres versank Seine Majestät  so  sehr in seine Gedanken über das Schicksal seines Volkes, dass er sogar vergaß, das Essbesteck in  seine beiden  Hände zu nehmen.“
Kaum hatte   der König begriffen, dass der Hofschreiber das letzte Wort „Essbesteck“ bereits eingetragen hatte, kam er in ziemliche Verlegenheit. Aufgeregt steckte er den Knopf in seinen Mund und griff sofort nach dem Messer.
„Einfach unfassbar, dass ich wegen irgendeines lächerlichen Knopfes auf  eine so groteske Art und Weise in die Geschichte eingehe!“, dachte der König. Wenn du gedacht haben solltest, der König wollte auf eine solch lächerliche Art und Weise in die Geschichte  eingehen? Mitnichten!

Deswegen hörte er mit dem Essen auf und  verbarg den Knopf seiner Paradejacke hinter seinen Vorderzähnen. Dadurch sah der König noch viel grimmiger aus. Doch er besann sich, dass gleich nach dem ersten Frühstück ein zweites mit  ausländischen  Botschaftern folgen sollte. Bei dieser Gelegenheit sollte  er um jeden Preis seine Paradejacke tragen.

Die Sache mit dem ersten und dem zweiten Frühstück war ein genialer Einfall der ersten Hofdame. Damit der König und seine Untertanen sich angemessen verhielten und  auch auf die höfischen Etikette während des Frühstücks mit den ausländischen Botschaftern und Gästen achteten, befahl sie, das Frühstück zweimal  zu bereiten und zu servieren.
Bei dem ersten, dem eher privaten Frühstück konnte jeder essen, soviel er wollte, und anstelle der zehn Essbestecke lagen neben den Tellern nur vier. Das hieß aber noch lange nicht, dass man am Tisch aus Brotkrümeln Männchen kneten oder  seinen Ellbogen  auf den Tisch legen sollte! Dennoch verlief  bei dieser Mahlzeit alles locker, im Gegensatz zum zweiten Frühstück, bei dem darauf achtzugeben war, dass man ja das Essbesteck nicht vertauschte. Nur so konnte man bei den Gesandten aus dem Ausland einen wirklich guten Eindruck machen.

Der König saß und überlegte sich, wen er wohl  bitten  könnte, ihm zwischen dem ersten und zweiten Frühstück den Knopf anzunähen. Dabei wurde er so nervös, dass  er  mit  einem  Fuß auf den Boden zu trommeln begann. Das tat er immer, wenn er Unmut verspürte. Nun aber wurde ihm so unwohl, dass er sogar mit beiden Füßen aufzustampfen begann.
Daraufhin blickte ihn die erste Hofdame so streng an, dass der König  ängstlich zusammenzuckte. Auch der Knopf  ängstigte sich und rutschte  dem König durch den Mund raum  in die Kehle. Dort blieb er feststecken.

Der König erbleichte, dann lief er rot an, dann sogar blau. Er fuchtelte mit  seinen  Armen  umher  und starrte ins Leere
„Eure Majestät, was soll dieser Unfug?“, fragte die erste Hofdame erregt. „Am Tisch solche Tänze aufzuführen, das gehört sich nun wirklich nicht! Was hätte Eure  Frau Mutter – Gott hab´ sie selig - dazu bloß gesagt?“.
Der hochnäsige Kammerdiener schüttelte den Kopf, und der Hofschreiber notierte: „Manchmal erlaubt sich Seine Majestät ein nahezu geckenhaftes Verhalten, welches die öffentliche Stimmung aufheitert. Er macht  Späßchen  am Tisch, erzählt Witze und…“.
Doch er brachte seinen Text nicht zu Ende, denn  nun endlich bemerkten  alle Anwesenden, dass der König um ein Haar zu ersticken drohte.
Alle sprangen von ihren Plätzen auf und rannten voller Angst und Sorge hin und her. Doch das alles nützte recht wenig, und niemand hatte eine Idee, was  nun zu unternehmen wäre.

Die erste Hofdame befahl, sofort einen Arzt zu Seiner Majestät zu rufen, und fiel behutsam in Ohnmacht, wie es in  solchen Fällen durchaus  üblich war. Die zweite und die dritte Hofdame taten es ihr nach. Der Kammerdiener hatte nichts Besseres zu tun, als einem der Lakaien den Fächer wegzunehmen und mit ihm  vor der Nase des Königs herumzuwedeln. Der Koch  reichte  dem König ein Glas Wasser und die tapferen Gardegrenadiere, die noch heftiger ins Leere starrten als der König,  verstärkten  sofort ihre Wache.

Es gab keinen mehr  im Speisesaal,  bis auf ein Mädchen, das  die Speisen auf  einem  Silbertablett servierte. Sie war  eine einfache Küchenmagd. Während  die Lakaien, welche dem König üblicherweise seine Speisen servierten, ihre  Ferien auf dem  Land  verbrachten, musste sie ihre Aufgaben übernehmen. Hätte sich die junge Küchenmagd nun trotz ihrer  lächerlichen Livree, die ihr einfach nicht stand – so jedenfalls behauptete die erste Hofdame-  nicht eingemischt, wäre der arme König erbärmlich erstickt!

Aber die junge Dame handelte sofort und beherzt. Sie warf das Tablett mit der Kaffeekanne zur Seite – natürlich besudelte der Kaffee die weiße Tischdecke und  das lilafarbene Kleid der ersten Hofdame-, eilte  auf den  König zu, packte  Seine Majestät von hinten, presste ihre Arme unter  seine  Rippen  und sogar an  die  Stelle der  königlichen Sonnenzerflechtung  und drückte den Landesherrn mit all ihren Kräften,  so fest es ging.
O Glück! O Freude! Der Knopf flog fast wie eine Pistolenkugel aus der Kehle Seiner Majestät und landete in hohem Bogen schließlich in einer Kaffeetasse. 

Als der König wieder zu sich kam,  schaute  er in die himmelblauen Augen der Küchenmagd gleich über ihm. Diese Augen blickten ihn so warmherzig und gefühlvoll an, wie es der König in seinem ganzen königlichen Leben zuvor  noch nie erlebt  hatte – nur bei seiner alten Amme hatte er ähnliche Gefühle gehabt.
Dieses Mädchen hier  war jedoch keineswegs  alt, ganz im Gegenteil. Vor lauter Aufregung errötete ihr Gesicht und ihre feuerroten Haare  lösten sich aus dem seltsamen  Lakaien – Dreispitz mit seinen  goldenen Tressen. Für einen kleinen  Augenblick schien es allen Anwesenden im Speisesaal zu brennen.
„Geht es Eurer Majestät  besser?“, fragte das Mädchen, während es dem König schien, als sei  ein Engel vom Himmel herabgekommen und sänge.
„Mir ? …ja, danke…es ist schon wieder alles in Ordnung“, stotterte der König.
Das Mädchen nahm den vermaledeiten Knopf aus der Kaffeetasse und präsentierte ihn Seiner Majestät.
„Ist dies der Knopf von Eurer Paradejacke?“
„Ja, das ist er.“,  erwiderte der König, noch ein wenig röchelnd.
„Darf ich ihn Ihnen annähen?“.
Endlich konnte  sich der König darüber freuen, dass der Knopf  zum zweiten Frühstück wieder an seine Paradejacke angenäht wird  und er noch heil und munter  am Leben  war  – und auch darüber, dass er so ein  wunderbares und hübsches  Mädchen kennengelernt hatte. Vor  lauter Begeisterung vergaß der König, sich bei seiner Retterin zu bedanken. Stattdessen eilte er  zur Garderobe, um  seinen  Gehrock zu holen.
In der Zwischenzeit war die erste Hofdame wieder zu sich gekommen und versuchte nun,  ihr  besudeltes Kleid mit einem Seidentuch zu säubern. Als man ihr zutrug, wie diese haarsträubende Geschichte ausgegangen war, lächelte sie nur entspannt.
„Tja, die junge Dame hat wirklich richtig gehandelt. Man müsste sie mit Gold überschütten und sie zur Chefküchengehilfin befördern.“

Doch der König hatte zum Glück andere Pläne mit dem Mädchen und seinen himmelblauen Augen, doch seiner ersten Hofdame teilte er vorerst nichts darüber mit.
Er ging sofort in die Küche und übergab dem Mädchen seine Paradejacke. Während sie den starrköpfigen Knopf annähte und dabei geschickt Nadel und Faden führte, betrachtete sie der König wie verzaubert. Noch nie in seinem ganzen Leben  hatte  er solch eine Schönheit mit so wunderbar feuerroten Haaren gesehen. Er betrachtete ihre Hände und ihre entzückenden Haare, in denen sich die Junisonne widerspiegelte.
Als der königliche Knopf endlich an seinen rechten Platz  gekommen war  und fest an seiner Jacke saß, zog der König seine Paradejacke über die Weste an und bat die junge Küchenmagd darum, seine Frau zu werden.
Das Mädchen mit den himmelblauen Augen hatte mit seinen Fäden nicht nur den Knopf an die Paradejacke nähen können, sondern auch das Herz des Königs an seines, und das auf ewig.

Man sagte, dass die erste Hofdame sehr überrascht über solch heitere Umstände gewesen sein und sich in den Kopf gesetzt haben soll, einen Häkelkurs  zu belegen. Das schien ihr jedoch reichlich spät eingefallen zu sein!

Was nun den Knopf angeht,  der  war  mächtig stolz auf sich und glänzte nun viel heller als seine Kumpane. Vielleicht war es  das  Bad in der Kaffeetasse, das eine  so  große  Wirkung auf ihn ausgeübt hatte.

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